
Der Sommer der leichten Drinks: Warum gerade alle weniger Alkohol wollen
Spritz statt Old Fashioned, ein Glas statt drei: Warum Low-ABV-Cocktails 2026 kein Verzicht mehr sind, sondern der eigentliche Trend.
Es gab mal eine Zeit, da zählte ein Cocktail nur, wenn man ihn nach dem dritten Schluck noch spürte. Vorbei. Laut Weltgesundheitsorganisation trinkt mittlerweile mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung gar keinen Alkohol. In westlichen Ländern verzichtet gut ein Drittel bewusst darauf, ganz oder teilweise. Klingt erstmal nach schlechten Nachrichten für die Bar-Kultur. Ist es aber nicht.
Bartender beschreiben für 2026 überall denselben Wandel. Low-ABV ist kein Trend mehr. Es ist einfach, wie Leute trinken. Die amerikanische Bar-Beraterin Lynn House bringt es auf den Punkt: Spritzes und leichtere Klassiker-Versionen gehören längst zur Standardkarte. Selbst Whisky landet zunehmend in ausbalancierteren Kompositionen statt in schweren Rührdrinks. Der Aperol Spritz war nur der Anfang. Heute gibt es ganze Familien von Spritz-Varianten, von Holunderblüte bis Campari. Und der Americano, die schlanke Schwester des Negroni, erlebt gerade eine echte Renaissance als Feierabend-Drink.
Was diesen Wandel besonders macht: die Haltung dahinter. Nicht Verzicht. Länger genießen, bewusster. Ein leichterer Drink bedeutet einen längeren Abend. Mehr Gespräche. Raum für einen zweiten oder dritten Cocktail, ohne dass der Kopf am nächsten Morgen die Rechnung präsentiert. Genau das erklärt auch, warum die europäische Aperitivo-Kultur international gerade so gefragt ist. Langsames, ritualisiertes Trinken vor dem Essen. Kleine Häppchen dazu. Ein Glas, das Begleiter ist, nicht Hauptdarsteller.
Wer zuhause in diese Richtung mixen will, braucht kein neues Barregal. Ein Trick reicht meistens: die Hauptspirituose bei einem klassischen Rezept um ein Drittel reduzieren, die fehlende Menge mit trockenem Wermut oder Sherry auffüllen. Aus einem klassischen Old Fashioned wird so ein deutlich leichterer, aber immer noch komplexer Drink. Auch der Negroni verträgt diesen Umbau erstaunlich gut, wenn man beim Gin zurückhaltender ist und beim Wermut großzügiger. Am Ende zählt sowieso nicht, wie viel Prozent im Glas stehen. Sondern wie lange der Abend Spaß macht.